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Bürger fragen - Wir antworten

Netzbooster

Hallo Bürgerdialog Stromnetz,

ich habe erfahren, dass TransnetBW in Kupferzell einen Netzbooster bauen und betreiben will.

Dazu habe ich folgende Fragen: Was sind Netzbooster, wofür werden Netzbooster benötigt und auf welcher gesetzlichen Grundlage werden Netzbooster gebaut?

Viele Grüße,

K. H.

8. März 2021
Bürgerdialog Stromnetz Signet

Antwort von der Redaktion

Hallo Herr H.,

vielen Dank für Ihre Frage zum Thema Netzbooster.

Was sind Netzbooster und wofür werden Netzbooster benötigt?

Seit Jahren müssen die Übertragungsnetzbetreiber immer häufiger in den Netzbetrieb eingreifen, um Netzengpässe zu umgehen. Dazu wird der “Fahrplan” von Kraftwerken, die vor und hinter dem Netzengpass liegen kurzfristig angepasst oder erneuerbare Erzeugungsanlagen, z. B. Windparks, müssen abgeregelt werden und stehen still, weil der von ihnen erzeugte Strom aufgrund von Netzengpässen nicht dorthin transportiert werden kann, wo er gebraucht wird. Solche Eingriffe in den Netzbetrieb werden Redispatch-Maßnahmen genannt und sind teuer: Im Jahr 2019 fielen Kosten in Höhe von 292 Mio. Euro an, im Jahr 2018 entstanden Kosten in Höhe von 471 Mio. Euro (vgl. BMWi Newsletter Energiewende – Was ist eigentlich ein Netzbooster? und Bundesnetzagentur Quartalszahlen Gesamtjahr 2019).

Netzbooster könnten den Redispatch-Bedarf und die damit verbundenen Kosten senken. Sie reagieren schneller, als den Fahrplan eines konventionellen Kraftwerks kurzfristig anzupassen. Dazu nutzen sie flexibel regelbare Verbraucher vor dem Netzengpass in Verbindung mit einer schnell aktivierbaren Energiequelle hinter dem Netzengpass, z. B. einen Batteriespeicher. Einerseits können Netzbooster so Zeit überbrücken, bis konventionelle Kraftwerke die Systemstabilisierung “übernehmen” können. Andererseits kann durch den Einsatz der Netzbooster auch die vorhandene Transportkapazität unseres Übertragungsnetzes besser ausgenutzt werden: Denn bisher wird ein Teil der vorhandenen Kapazität als Sicherheitsreserve für den Fehlerfall vorgehalten. Durch die schnellere Reaktionszeit der Netzbooster könnte diese Reserve anteilig für den regulären Stromtransport freigegeben werden (vgl. BMWi Newsletter Energiewende – Was ist eigentlich ein Netzbooster?).

Warum soll in Kupferzell ein Netzbooster gebaut werden?

Netzbooster sind ein Pilotprojekt der Übertragungsnetzbetreiber, um die vorhandene Transportkapazität des Übertragungsnetzes z. B. in Baden-Württemberg besser nutzen zu können – mit anderen Worten: Zu optimieren. Dabei erfüllt der Übertragungsnetzbetreiber seine gesetzlichen Verpflichtungen gemäß des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG). Hier steht zum Beispiel in § 11 Abs. (1), dass der Betrieb von Energieversorgungsnetzen auch die bedarfsgerechte Optimierung, Verstärkung und den Ausbau umfasst. Kurz wird dieses Prinzip auch NOVA-Prinzip genannt: Netzoptimierung vor Verstärkung vor Netzausbau. Netzbooster sind eine Netzoptimierungs-Maßnahme und müssen somit der Netzverstärkung und dem Netzausbau vorgezogen werden (vgl. z. B. Gesetz über die Elektrizitäts- und Gasversorgung (Energiewirtschaftsgesetz – EnWG) und netzausbau.de).

Zur Optimierung der Nutzung vorhandener Transportkapazitäten hat der zuständige Netzbetreiber TransnetBW unterschiedliche Standorte hinsichtlich der Anwendbarkeit des Pilotprojektes “Netzbooster” untersucht. Der Standort Kupferzell ist Teil des Untersuchungsrahmens, weil die von Norden kommenden Leitungen aus Grafenrheinfeld in Richtung Kupferzell heute schon stark ausgelastet sind. Insbesondere tritt diese starke Auslastung bei hoher Stromeinspeisung durch Windenergie aus Norddeutschland auf und wird perspektivisch weiter zunehmen, aufgrund des fortschreitenden Ausbaus erneuerbarer Erzeugungsanlagen (vgl. TransnetBW).

Unter den untersuchten Standorten hat sich Kupferzell aus netzplanerischer Sicht am geeignetsten erwiesen. Bewertungskriterien waren zum Beispiel das Potenzial zur “Höherauslastung” betroffener Leitungsabschnitte, die Häufigkeit der Überlastungen sowie die räumliche Verfügbarkeit von Kraftwerken zur Ablösung des Netzboosters (vgl. TransnetBW).

Auf welcher gesetzlichen Grundlage werden Netzbooster gebaut?

Netzbooster sind ein innovativer Ansatz zur Optimierung der Transportkapazität unseres Übertragungsnetzes. Ihr Einsatz im Netzbetrieb wurde durch eine neue Speicherregelung im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) ermöglicht. Mit dieser Speicherregelung werden Vorgaben der europäischen Strombinnenmarkt-Richtlinie in nationales Recht überführt: Art. 54 Abs. 1 und Abs. 2 sehen vor, dass Übertragungsnetzbetreiber Stromspeicher nutzen, grundsätzlich aber nicht besitzen oder im Eigentum haben dürfen (vgl. Richtlinie für den Elektrizitätsbinnenmarkt der EU).

Somit sieht die neue Regelung vor, dass Übertragungsnetzbetreiber zwar Netzbooster zur Systemführung nutzen dürfen, Bau und Betrieb der Stromspeicher allerdings wettbewerblich ausschreiben müssen. Wenn diese Ausschreibung zu keinem Ergebnis führt, darf der Netzbetreiber übergangsweise die Netzbooster selbst errichten und betreiben. Allerdings darf der Stromspeicher nur zur Netzführung eingesetzt werden. Eine Teilnahme am Strommarkt, also der Handel des gespeicherten Stroms an der Strombörse, ist verboten (vgl. Gesetzentwurf zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes und anderer Vorschriften).

Mit der Regelung im EnWG wird auch ein kurzfristiger Rechtsrahmen für die im Netzentwicklungsplan 2030 (2019) bestätigten Netzbooster-Pilotanlagen geschaffen. Perspektivisch wird eine umfassende, über diese Übergangsregelung hinausgehende Umsetzung der Vorgaben aus der Strombinnenmarkt-Richtlinie erfolgen, im Rahmen des Gesetzes zur Umsetzung unionsrechtlicher Vorgaben und zur Regelung reiner Wasserstoffnetze im Energiewirtschaftsrecht erfolgen (vgl. BMWi Pressemitteilung zur Novellierung des Bundesbedarfsplangesetzes  und Richtlinie für den Elektrizitätsbinnenmarkt der EU).

Im Netzentwicklungsplan 2030 (2019) ist der Bau des Netzboosters in Kupferzell von den Übertragungsnetzbetreibern erstmals vorgeschlagen worden und wird im Rahmen des Projektes P430 als Maßnahme M646 geführt. Die Bundesnetzagentur hat die Maßnahme M646 mit der Bestätigung des Netzentwicklungsplans 2030 (2019) bestätigt. Auch im ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2035 (2021) wird das Projekt P430 erneut aufgeführt (vgl. Bestätigung Netzentwicklungsplan 2019-2030 und ANHANG ZUM NETZ ENTWICKLUNGSPLAN STROM 2030, VERSION 2019, ZWEITER ENTWURF).

Wie verhält es sich mit der Genehmigung um den Netzbooster in Kupferzell?

Sollte für den Netzbooster als Verfahrensart das Planfeststellungsverfahren nach § 43 Abs. 2 Nr. 8 EnWG gewählt werden, ist für dieses Projekt das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig. Dann muss TransnetBW beim Regierungspräsidium den Antrag auf Durchführung des Planfeststellungsverfahrens nach Teil 5 EnWG (Energiewirtschaftsgesetz) einreichen. Teil dieses Planungsverfahren ist auch ein öffentliches Anhörungsverfahren zur Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern (vgl. TransnetBW und Regierungspräsidium Stuttgart).

 

Viele Grüße,

Team Bürgerdialog Stromnetz

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