Bürger fragen - Wir antworten

Strompreise

Sehr geehrte Damen/Herren vom Bürgerdialog,

dass in Deutschland ständig die Strompreise erhöht werden, stößt bei der Bevölkerung zu 100 % auf Unverständnis und resignierendes Kopfschütteln. Das beginnt schon damit, dass uns niemand (nicht einmal Fachleute) sagen kann, wer für die ständigen Preiserhöhungen verantwortlich ist. Dann erfährt man z.B., dass Deutschland auch Strom ins Ausland liefert, andere behaupten wieder, dass wir auch Strom aus dem Ausland beziehen. Was für ein Chaos: Haben wir nun zu viel oder zu wenig Strom ??? Das soll noch einer verstehen. Tatsache ist aber, und das weiß jeder, dass wir in Deutschland die höchsten Strompreise in Europa haben. Was machen wir dann falsch, dass diese hohen Preise ständig erhöht werden müssen ???

Was machen die anderen besser? Außerdem hätten wir Geld genug, um Deutschland mit erneuerbarer Energie zu versorgen, denn der Staat, die Industrie, die Wirtschaft… nehmen jährlich allein über das Kfz und den Stromverbrauch Steuern, Abgaben, Umlagen, Gebühren u.a. von über 80 Milliarden Euro ein (pro Jahr, wohlgemerkt). Was passiert mit diesem vielen Geld ? Wird es zweckgebunden eingesetzt ? Niemand weiß es. Aber eines ist klar: Diese Summen würden reichen, Deutschland in ein paar Jahren mit erneuerbarer Energie auszustatten, ohne ständig die Preise zu erhöhen ! Ist es nicht möglich, dass „Bürgerdialog“ dafür kämpft und seine Bürger diesbezüglich unterstützt ?

Mit freundlichen Grüßen

Frage von F. 16. Juni 2020
Bürgerdialog Stromnetz Signet

Antwort von der Redaktion

Sehr geehrter Herr F.,

vielen Dank für Ihre Anfrage zum Thema Strompreise.

Die Bundesnetzagentur führt jedes Jahr eine umfassende Bewertung des Strommarktes durch. Die Ergebnisse werden im sogenannten Monitoringbericht festgehalten: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/ElektrizitaetundGas/Unternehmen_Institutionen/DatenaustauschundMonitoring/Monitoring/monitoring-node.html;jsessionid=C96DD04D6C6BE5EC670EA2A28B772790.

Hinsichtlich der Höhe des Strompreises für Haushaltskunden (inkl. USt und allen anderen Umlagen, vgl. S. 319) liegt im europäischen Vergleich (2. Halbjahr 2018) tatsächlich nur Dänemark (31,23 ct/kWh) vor Deutschland (30,00 ct/kWh). Diese Werte liegen deutlich über dem europäischen Durchschnitt (21,13 ct/kWh). Dies liegt u. a. daran, dass andere Länder ihren Strom mit einem Energiemix erzeugen, der sich deutlich von Deutschland unterscheidet. Norwegen kann seinen Strom aufgrund geographischer Besonderheiten fast vollständig über günstige Wasserkraftanlagen produzieren. Länder mit einem großem Anteil konventioneller Kohle- und Atomkraftwerke erzeugen weiterhin vergleichsweise preisgünstig Strom, da die damit verbundenen externen Effekte, wie insbesondere die Umweltbelastungen, nicht zu Kosten führen, die durch den Strompreis gedeckt werden. Neben den Stromerzeugungskosten als Teil der Stromlieferung sind noch weitere Bestandteile für die Höhe des Strompreises aus Sicht der Haushaltskunden verantwortlich (vgl. S. 291):

29 % Umlagen (EEG-, KWKG-, Offshore-, § 19 StromNEV-, AbLaV-Umlage)
25 % Stromlieferung (Energiebeschaffung, Vertrieb und Marge)
23 % Steuern
23 % Netzentgelte

Die Darstellung auf Seite 291 zeigt anschaulich welche Bestandteile wesentlich zum Anstieg des Strompreises geführt haben. Im Vergleich 2019 zu 2006 ist der größte Anstieg bei den Umlagen mit 265 % zu verzeichnen. Die Kosten für die Stromlieferung sind um ca. 70 % gestiegen. 2019 mussten ca. 50 % mehr Steuern bezahlt werden als in 2006. Die Netzentgelte sind in diesem Vergleich leicht zurückgegangen.

Der Anstieg der Umlagen erklärt sich durch die Sonderrolle, die Deutschland in Europa mit der Energiewende einnimmt: Der starke Ausbau erneuerbare Energieanlagen ist bisher durch Fördermaßnahmen begleitet worden. Die Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien erfolgt dabei im Wesentlichen über den sog. Umlagemechanismus (“EEG-Umlage”), getragen durch die Stromkunden.

Im Rahmen des kürzlich verabschiedeten Konjunkturpaketes  hat die Bundesregierung eine Entlastung der Stromkunden beschlossen. Sie will die EEG-Umlage für das Jahr 2021 auf 6,5 ct/kWh und für 2022 auf 6 ct/kWh senken. Diese Reaktion folgt aus der Annahme, dass die EEG-Umlage im nächsten Jahr aufgrunder der Corona-Auswirkungen stark steigen wird. Dies liegt unter anderem daran, dass aufgrund gesunkener Stromnachfrage industrieller Großkunden der Strompreis deutlich gesunken ist, die gesetzliche Vergütung nach dem EEG aber gleich bleibt. Die Differenz wird über die EEG-Umlage finanziert. Der Bund übernimmt also die Kosten durch den eigentlich erwarteten Anstieg der Umlage.

Als weiteren Punkt erwähnen Sie den Stromhandel. Stromimporte sind immer dann nötig, wenn es bspw. zu Windflauten kommt und konventionelle Kraftwerke den Bedarf nicht decken können. Stromexporte sind sinnvoll, wenn bspw. sehr viel Wind weht und die Nachfrage in Deutschland geringer ist als das Angebot der Windkraftanlagen. Beide Fälle treten über das Jahr gesehen mehrfach auf. Die Netzbilanz auf Seite 33 ff. im Monitoringbericht ermöglicht einen Überblick zum Aufkommen und zur Verwendung der Stromflüsse im deutschen Stromnetz. 2018 setzt sich die Aufkommensseite (622,6 TWh) zusammen aus der gesamten Netto-Stromerzeugung von 592,3 TWh sowie den grenzüberschreitenden Lastflüssen aus dem Ausland in Höhe von 30,3 TWh (ca. 5 %). Auf der Verwendungsseite wurden aus den Netzen der Allgemeinen Versorgung 467,8 TWh durch Letztverbraucher entnommen. Die Netzverluste auf ÜNB- und VNB-Ebene lagen bei insgesamt 24,6 TWh (ca. 4 %), die physikalischen Lastflüsse ins Ausland betrugen 76,8 TWh (ca. 12 %).

Der Stromhandel wird ein zentraler Baustein einer sicheren und preisgünstigen Stromversorgung in ganz Europa sein. Dazu folgende Überlegungen:

In der Vergangenheit folgte die Stromproduktion der Stromnachfrage. Zukünftig hängt die Stromproduktion u. a. von der Windstärke und der Sonneneinstrahlung ab. Dadurch ergibt sich die Frage: Was wird aus dem produzierten Strom, wenn die Nachfrage in Deutschland deutlich niedriger ist, als die Menge, die bspw. bei hohen Windstärken produziert wird? Neben der Speicherung des Stromes, was aktuell mit hohen Kosten verbunden ist, besteht die Möglichkeit des länderübergreifenden Handels. Durch das größere Angebot sinken die Preise. Würde kein Handel erfolgen und nicht genügend Speicher vorhanden sein, müsste man die Windkraftanlagen abschalten und die Preise würden steigen. Dies wäre aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive nicht sinnvoll. Der Stromhandel ist eine Möglichkeit auf die fluktuierenden Energieversorgung der Zukunft zu reagieren. Alternativen wie Speicherung und Umwandlung (Power-To-X-Technologien) werden als weitere Bausteine von der Bundesregierung vorangetrieben. Die Kombination all dieser Möglichkeiten dient zur Flexibilisierung der Nachfrageseite, welche zur Realisierung einer sicheren und preisgünstigen Stromversorgung bei fluktuierender Stromeinspeisung als notwendig angesehen werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Redaktion Bürgerdialog Stromnetz

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