Energiewende
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Warum muss der Netzausbau so überdimensioniert sein?

Der Netzausbau sei das Rückgrat der Energiewende?! Keine Frage: Netze sind nötig für einen überregionalen Energieausgleich in einem bestimmten Rahmen. Darum war die Inbetriebnahme der THÜRINGER STROMBRÜCKE (Bad Lauchstädt - Redwitz) im Herbst 2017 sicher wichtig, um die ost- und westdeutschen Stromnetze besser zu verbinden.

Der geplante weitere Ausbau des Stromnetzes ist jedoch völlig überdimensioniert und schädlich für eine lokale, dezentrale Energiewende. Der Netzausbau ist nur zum kleineren Teil dem Transport von Windstrom von Norden nach Süden geschuldet. Die Stromnetze werden vor allem durch den BRAUNKOHLESTROM verstopft, der unbegrenzt eingespeichert werden kann. Unabhängige Fachleute, die per Gerichtsbeschluss sich Zugang zu den Übertragungsdaten verschafft hatten, haben berechnet, dass z.B. mit dem überdimensionierten Ausbau des Südost-Links die Thüringer Strombrücke kaum noch gebraucht wird.

Dass die Lobby der Übertragungsnetzbetreiber den Netzausbau als oberstes Ziel anpreist, ist auch verständlich, schließlich profitieren die Ü-Netzbetreiber mit garantierten Traumrenditen von über 9% am meisten vom ÜBERDIMENSIONIERTEN NETZAUSBAU. (Kostenansatz derzeit: 50 Milliarden Euro!)

Der Netzausbau ist ein Relikt aus der ALTEN STROMWELT, bei dem große zentrale Kraftwerke die Netzstabilität absichern. In unabhängigen Fachkreisen wird heute vielmehr der ZELLULÄRE ANSATZ verfolgt, bei dem Energiezellen auf unterer Ebene selbst für einen möglichst frühen Ausgleich zwischen dem unregelmäßig anfallenden erneuerbaren Strom und dem Verbrauch sorgen. Sie tauschen sich mit Nachbarzellen aus, wenn der eigene Stromausgleich nicht ausreicht.

Ich finde deshalb die Initiative des Bündnis Bürgerenergie (BBEn) für eine ENERGIEWENDE VON UNTEN sehr bedenkenswert! die Stellungnahme habe ich Ihnen beigefügt.

Herr Minister Altmaier, bitte ersparen Sie dem Steuerzahler die überdimensionierten Kosten des Netzausbaus und lösen Sie die Handbremse für eine dezentrale, digitale und demokratische Energiewende!

Frage von Ulrich S., 10. April 2018

Die Diskussion, ob der geplante Stromnetzausbau durch dezentrale Ansätze, unterschiedliche Speichertechnologien und mehr Windkraft in Süddeutschland insgesamt nicht deutlich geringer ausfallen könnte, wird schon sehr lange und in unterschiedlichen Kreisen intensiv diskutiert. Kürzlich hat die Renewables Grid Initiative (RGI) ihre aktuelle Studie „Dezentralität, Regionalisierung und Stromnetze“ vorgestellt, die zu diesem Thema wichtige Antworten liefert. In der Meta-Studie - die vom Öko-Institut für die RGI erstellt wurde - wurden zehn prominente Studien zu Dezentralitätskonzepten analysiert und verglichen. Eines der Ergebnisse ist: Selbst wenn alle Speicher- und Flexibilitätsoptionen zur Verfügung stehen würden, bleibe der bis 2030 geplante Netzausbau auch weiterhin notwendig. Die Studie bestätigt die in den letzten Jahren vorgelegten Netzentwicklungspläne (Zieljahr 2030) nebst vorgestellten Bedarfen und Netzausbauplänen.

Die Thüringer Strombrücke verfügt zwar mit ihren 5 Gigawatt über eine sehr hohe Übertragungskapazität, doch sie alleine wird Bayern nicht mit der notwendigen Strommenge versorgen können, die dort benötigt wird. Aktuell liegt in Bayern der höchste Leistungsbedarf bei insgesamt ca. 12,5 Gigawatt. Die verschiedenen Szenarien des aktuellen Netzentwicklungsplans 2030 (Version 2017) zeigen, dass es zusätzliche Leitungen wie den SuedLink und auch den SuedOstLink braucht, um den aktuellen wie auch zukünftigen Strombedarf durch schnellen Transport über mehrere leistungsfähige Höchstspannungsleitungen sicherstellen zu können. Der Energiebedarf wird in Deutschland - da sind sich die Experten einig - weiter ansteigen, nicht zuletzt durch die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrs und der Erzeugung von Wärme durch Strom, Stichwort Sektorenkopplung. Allein mit der steigenden Elektrifizierung des Verkehrssektors erhöht sich laut verschiedenen Studien (wie z.B. die DUH-Studie zur Sektorenkopplung) der Strombedarf erheblich: Bis zum Jahr 2050 werden in etwa 500 bis 700 Milliarden Kilowattstunden mehr Strom benötigt und das entspricht in etwa dem aktuellen Jahresverbrauch an Strom in Deutschland. Ohne neue leistungsfähige und flexible Netze werden gerade Bundesländer wie beispielsweise Bayern ihren Strombedarf nicht alleine decken können und so besonders von den neuen Leitungen profitieren. Insbesondere in den verdichteten Räumen Süd- und Westdeutschlands kann der zusätzliche Strombedarf planerischer und räumlicher Grenzen nicht allein durch dezentrale Energieerzeugungsanlagen bereitgestellt werden. So können zum Beispiel in Baden-Württemberg bereits heute nicht für alle geplanten Windenergieanlagen Flächen gefunden werden. Der Bedarf für den Transport von Erneuerbarem Strom aus anderen Regionen wird daher nicht nur weiter notwendig sein, er wird vermutlich steigen. Deshalb bleiben die Modernisierung und der Ausbau des Stromnetzes weiterhin zentrale Aufgaben für das Gelingen der Energiewende. Klar ist aber auch, dass für das Gelingen der Energiewende dezentrale Energiekonzepte, Speicherlösungen, Sektorenkopplung und Energieeffizienz eine ebenso wichtige Rolle spielen müssen. Darauf verweisen wir auch in unseren Infoblättern  "Netzausbau und Dezentrale Energiewende" und "Sektorenkopplung".  Zum Thema "Zellularer Ansatz" haben wir mit dem Experten Dr. Matthias Dümpelmann von 8KU GmbH ein Interview geführt, in dem er bestätigt, dass der dezentrale Ansatz dort seine Grenzen hat, wo rein geografisch Last und Leistung auseinanderfallen:  https://www.buergerdialog-stromnetz.de/netzausbau/interview-mit-dr-matthias-duempelmann-zum-zellularen-ansatz/

Speicherexperte Prof. Dirk-Uwe Sauer von der RWTH Aachen hat im Interview darauf hingewiesen, dass beispielsweise der Einsatz von Power-to-Gas-Technologien frühestens Sinn macht, wenn der Gesamtanteil der EE-Stromproduktion 80% in Bezug auf den elektrischen Energieverbrauch beträgt: https://www.buergerdialog-stromnetz.de/netzausbau/interview-mit-prof-dr-sauer-zum-thema-speicher/

Zum Vorwurf, dass sogenannter Braunkohle-Strom die Netze verstopfen würde, möchten wir dieser Stelle die Bundesnetzagentur zitieren, die u.a. auf die gesetzliche Vorrangregelung von Erneuerbaren Energien hinweist: "Es ist ein Mythos, dass konventionell erzeugter Strom die Netze verstopft. Richtig ist, dass konventionelle Kraftwerke und (bis zu ihrem Abschaltdatum) auch Kernkraftwerke das Recht haben, ihren Strom am Markt anzubieten. Dieses Recht darf und kann die Bundesnetzagentur nicht beschneiden. Allerdings kommen die Konventionellen am Markt nur dann zum Zuge, wenn sie zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Vorrang haben zunächst erneuerbare Energien. Erneuerbare-Energien-Anlagen dürfen im Falle von Netzengpässen nur dann abgeregelt werden, wenn zuvor alle konventionellen Anlagen heruntergefahren wurden. Allerdings gilt dies natürlich nur dann, wenn die abzuregelnden Anlagen überhaupt einen entsprechenden Einfluss auf den Netzengpass haben. Ein konventionelles Kraftwerk abzuregeln, ohne dass dadurch die Menge des transportierbaren erneuerbaren Stroms steigt, ergäbe keinen Sinn." (Quelle: https://www.netzausbau.de/wissenswertes/faq/de.html?cms_topic=Bedarfsermittlung+2017-2030)

Antwort von Redaktion, 18. April 2018

Kommentare

  • Jörg Diettrich, 23. April 2018

    Zur Antwort der Redaktion, 18. April 2018
    Die in Berlin vorgestellte Meta Studie „Dezentralität, Regionalisierung und Stromnetze“ kommt zu dem dem Schluss, dass „...der aktuell geplante Leitungsbau in jedem Fall notwendig ist“. Der durch die ÜNB festgestellte Leitungsbau wird ohne jeglichen Einwand bestätigt. Um es klar zu sagen, die Umstellung unserer Energieversorgung auf EE erfordert auf jedem Fall einen nicht unerheblichen
    Netzausbau, vor allem in den Verteilnetzen. Der Ausbau der Übertragungsnetze dient dem europäischen Stromhandel und nur zum geringen Teil der deutschen Stromversorgung. Auch die Studie von N-ERGIE kommt unter bestimmten Voraussetzungen zu einem völlig anderen, wesentlich geringerem Ausbau des Übertragungsnetzes. Das wird aber in der o.g. Meta Studie nicht erwähnt.

    Sie erwähnen die Thüringer Strombrücke mit einer Übertragungskapazität von 5 GW. Sie suggerieren, dass diese Leistung zur Stromversorgung Bayerns mit einem Leistungsbedarf von 12,5 GW nicht ausreicht. Solche Aussagen halte ich, milde ausgedrückt, für äußerst unseriös. Die von ihnen als Thüringer Strombrücke bezeichnete Doppelleitung verbindet die Umspannwerke Remptendorf in Thüringen mit dem Umspannwerk Redwitz in Bayern. Im September 2017 wurde
    aber eine zweite Doppelleitung von Altenfeld in Thüringen nach Redwitz mit einer
    Übertragungskapazität von 5 GW fertiggestellt. Somit beträgt die Übertragungskapazität zwischen Thüringen und Bayern nun 10 GW. Geplant ist aber noch eine weitere Hochstromleitung, auch als P44 bezeichnet, von Altenfeld nach Grafenrheinfeld in Bayern mit einer Übertragungskapazität von ebenfalls
    5 GW. Nach ihrer Lesart beträgt die Übertragungskapazität zwischen Thüringen und Bayern dann 15 GW. Natürlich ist die Annahme, dass ganz Bayern über die Thüringer Hochstromleitungen mit Strom versorgt werden soll, völlig abwegig. Oder gehen sie davon aus das zukünftig in Bayern kein einziges Kraftwerk betrieben wir, alle EE Anlagen abgebaut und alle Verbindungen zum restlichen Übertragungsnetz gekappt werden?

    Die o.g. Meta Studie geht es um Dezentralität. Der Grundgedanke ist, dass der regionale Bedarf an elektrischer Energie auch regional erzeugt wird. Das geschieht vielfach, physikalisch bedingt, bereits heute. Diese Tatsache ist dem berühmten Herrn Otto Normalverbraucher aber nicht bewusst. Er weiß nicht, dass sein Strom vielleicht geradewegs vom Nachbarn mit seiner Solaranlage und nicht aus irgend einem weit entfernten Kraftwerk kommt. Wenn Herr Normalverbraucher das aber
    wüsste, dann könnte er auch fragen warum denn die Netzdurchleitungsgebühren auf seiner Stromrechnung so hoch sind wenn er diese Netze gar nicht benutzt. Aber er weiß es glücklicherweise nicht.

    Sie zitieren die BNetzA mit dem Satz „...dass konventionelle Kraftwerke ... das Recht haben, ihren Strom am Markt anzubieten.“ Aber wie ist die Umsetzung dieses Rechtes organisiert? Konventionelle Kraftwerke schließen Stromlieferverträge mit Kunden ab. Diese Verträge werden weit im Vorfeld der eigentlichen Lieferung , unter Umständen Jahre vorher, abgeschlossen. Wenn
    zur Stunde der Lieferung viel EE erzeugt wird, hat der konventionelle Erzeuger trotzdem das Recht seine vertraglich vereinbarte elektrische Energie in das Netz einzuspeisen. Es komm, wie nicht anders zu erwarten, zu Netzengpässen und zu einem Überangebot an elektrischer Energie. Da, physikalisch bedingt, nur so viel elektrische Energie erzeugt, also eingespeist werden darf, wie auch gleichzeitig verbraucht wird, regelt man EE Anlagen ab. Erst wenn das nicht ausreicht werden
    konventionelle Anlagen abgeregelt. Die Lösung diese Problems aus Sicht der ÜNB ist der massive Ausbau des Übertragungsnetzes. Das Netz ist so auszubauen das kein technischer Engpass entstehen kann. In der dena-Netzsudie II aus dem Jahr 2010 heißt es dazu: das Netz muss dem „...europäischen Stromhandel und einer marktgetriebenen, optimalen Fahrweise des konventionellen Kraftwerksparks...“ genügen.

    Jörg Diettrich
    energy-platform e.V.
    diettrich@energy-platform.de

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    • Redaktion, 22. Mai 2018

      Sehr geehrter Herr Diettrich,
      sehr geehrter Herr Spiegel

      vielen Dank für Ihre Kommentare. Hinsichtlich der Übertragungskapazität der Südwestkuppelleitung bzw. Thüringer Strombrücke müssen wir uns korrigieren und bitten den Fehler zu entschuldigen. Richtig ist - wie wir im August 2017 auf eine Bürgerfrage auch korrekt geantwortet hatten (https://www.buergerdialog-stromnetz.de/im-dialog/frage-stellen/wie-viel-gw-uebertragungskapazitaet-hat-die-thueringer-strombruecke/) - dass sich durch die Inbetriebnahme des 2. Stromkreises der Thüringer Strombrücke die Übertragungskapazität des Gesamtsystems nach Bayern UM 5GW erhöht (und nicht AUF 5 GW). Rechnet man zu diesen 5 GW des 2. Stromkreises die Übertragungskapazität des 1. Stromkreises von ca. 2,4 GW hinzu, ergibt sich eine Gesamtkapazität der Thüringer Strombrücke von insgesamt rund 7,5 GW.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Ihr Redaktionsteam Bürgerdialog Stromnetz

  • Spiegel Gerhard, 21. April 2018

    Metastudie
    Die Meta-Studie – erstellt vom Ökoinstitut, fasst bestehende, die Sicht der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (RGI) bestätigende Studien zusammen.

    Geringe Auslastung
    Die Verbindung zwischen Bayern und Thüringen auf Höchstspannungsebene (Übertragungsnetz) besteht seit September 2017 aus vier Leitungen mit je 2,3 GW, zusammen also 9,2 GW, und war in 2017 nur wenige Stunden mit 70% ausgelastet.
    Es existiert also genügend Reserve und es besteht kein aktuell Ausbaubedarf.

    Hoher zukünftiger Strom- und Netzausbaubedarf
    50% unseres Energiebedarf verwenden wir für Wärme, 30% für Mobilität und nur 20% für Elektrizität, wovon zur Zeit nur ein Drittel regenerativ erzeugt wird.
    Für das Ersetzen aller fossilen Energieträger (Defossilierung) bis 2050 ist ist daher ein deutlicher Zubau um mehr als den Faktor zehn an erneuerbarer, elektrischer Energie nötig.
    Für diesen Ausbau gibt es noch genügend ungenutzte und bereits versiegelte Flächen, besonders in Bayern, dem flächenreichsten Bundesland.

    Der Zubau an Energie geht mit einem deutlichen Netzausbau einher.
    Die erneuerbaren Energiequellen wie Windkraft- und PV - Anlagen werden - mit Ausnahme von Offshore Windanlagen - jedoch nicht an das Höchstspannungsnetz (=Übertragungsnetz) sondern an das Verteilnetz angeschlossen. Daher ist auch ein deutlicher Ausbau des Verteilnetzes nötig.
    Mit Netzausbau wird bisher unpräziser Weise immer nur der Höchstspannungs- also Übertragungsnetzausbau gemeint.

    Für eine sichere Stromversorgung
    Wind- und Sonnenenergie ergänzen sich zeitlich. Doch es gibt auch Tage an denen in Europa vom Irland bis Gibraltar und vom Baltikum bis zum Peloponnes nur 10% der Durchschnittsenergie geerntet werden kann. Die Länder Mittel-Europas liegen in der gleichen Zeitzone wie auch Südafrika.
    Würden wir nur Übertragungsnetze bauen, hätten wir also Lücken in der Stromversorgung.
    Eine überwiegend regenerative Energieversorgung mit einem Defossilierungsgrad von 65% wollen wir in weniger als 12 Jahren realisiert haben.
    Dann helfen nur Langzeitspeicher, die in Zeiten des Überschusses gefüllt, diese Dunkelflauten zu überbrücken. Ein Beispiel für einen Langzeitspeicher ist das Gasnetz.

    Lokale Stromerzeugung
    Warum sollte denn Bayern von außerhalb mit Strom versorgt werden?
    Ist es nicht viel robuster eine von Bürger getragene, regionale Versorgung aufzubauen und diese durch den überregionalen Ausgleich abzusichern?
    Auch der zellulare Ansatz, veröffentlicht 2015, braucht ein Übertragungsnetz, jedoch nicht mehr so groß wie zuvor geplant.
    Gerhard Spiegel energy platform e.V.

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