Energiewende
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Warum werden überhaupt noch Trassen gebaut, sollte die Zukunft der Energie nicht auf dezentraler Erzeugung und Speicherung beruhen?

Wäre es durch die den Anstieg der Erzeugung von erneuerbaren Energien und dem gleichzeitigen Ausbau von Speichersystemen nicht intelligenter Energie dezentral z.B. auf jedem Dach zu erzeugen und dann direkt über z.B Hausspeicher an die Verbraucher abzugeben? Dadurch würden die Netze weniger beansprucht, weil Haushalte weniger Strom vom Netz abnehmen und man könnte die bestehenden Netze einfach weiter für die Industrie nutzen, bis Speichersysteme auch dort auch einsatzfähig sind. Auch müssten die Netze nicht verstärkt für die Rückspeisung von dezentral erzeugtem Strom ausgebaut werden, weil dieser Strom eben auch dezentral zwischengespeichert würde.

Freue mich auf die Antwort zu diesem Vorschlag!

Frage von Gerald G., 30. Juli 2019

Das Verbraucherinnen und Verbraucher mit Solaranlagen auf ihren Dächern ihren eigenen Strom erzeugen, den überschüssigen Strom mehr und mehr in eigenen Hausspeichersystemen speichern oder ins Netz einspeisen, ist sehr begrüßenswert und ein wichtiger Beitrag zur Energiewende. Doch das allein wird in der Energiezukunft von morgen nicht ausreichen. Nach aktuellem Stand der Forschung kann eine dezentrale Stromerzeugung den Netzausbau nicht vermeiden, wenn eine kostengünstige Versorgungssicherheit auch bei einem steigenden Anteil Erneuerbarer Energiequellen im Netz gewährleistet bleiben soll. Die Frage, ob der geplante Stromnetzausbau durch dezentrale Ansätze, unterschiedliche Speichertechnologien und mehr Windkraft beispielsweise in Süddeutschland insgesamt nicht deutlich geringer ausfallen könnte, wird schon sehr lange und in unterschiedlichen Kreisen intensiv diskutiert. 2018 hat die Renewables Grid Initiative (RGI) ihre aktuelle Studie „Dezentralität, Regionalisierung und Stromnetze“ vorgestellt, die zu diesem Thema wichtige Antworten liefert: Selbst wenn sehr viel mehr Speicher- und Flexibilitätsoptionen zur Verfügung stehen würden, bliebe der bis 2030 geplante und bestätigte Netzausbau weiterhin notwendig. Der Grund dafür liegt auch in dem fehlenden, sinnvoll nutzbaren Flächenpotential für Windräder im Süden.

Der Energiebedarf wird in Deutschland - da sind sich die Experten einig - weiter ansteigen, nicht zuletzt durch die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrs und der Erzeugung von Wärme durch Strom, Stichwort Sektorenkopplung. Allein mit der steigenden Elektrifizierung des Verkehrssektors erhöht sich laut verschiedenen Studien der Strombedarf erheblich: Bis zum Jahr 2050 werden in etwa 500 bis 700 Milliarden Kilowattstunden mehr Strom benötigt und das entspricht in etwa dem aktuellen Jahresverbrauch an Strom in Deutschland. Ohne neue leistungsfähige und flexible Netze werden gerade Bundesländer mit viel Industrie, wie beispielsweise Bayern, ihren Strombedarf nicht alleine decken können und so besonders von den neuen Leitungen profitieren. Die verschiedenen Szenarien des aktuellen Netzentwicklungsplans 2030 (Version 2019) zeigen, dass es zusätzliche Nord-Süd-Leitungen braucht, um den aktuellen wie auch zukünftigen Strombedarf durch schnellen Transport über mehrere leistungsfähige Höchstspannungsleitungen sicherstellen zu können. Der stetig steigende Anteil von erneuerbar erzeugtem Strom - 2018 lag er bereits bei 40 Prozent der Nettostromerzeugung - erfordert eine höhere Flexibilisierung des Energiesystems. Wichtig ist, die vorhandenen Stromnetze entsprechend den veränderten Erzeugungsstrukturen und den neuen Energiemarkt-Regeln anzupassen. Die bestehenden Übertragungsleitungen sind für diese „neue“ Flexibilität und somit das großräumige Ausgleichen der Stromschwankungen, wie sie mit Erneuerbarem Strom auftreten, nicht ausgelegt und geraten an ihre Grenzen. Die großen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs (HGÜ)-Leitungen, wie beispielsweise SuedLink oder A-Nord/Ultranet, können dagegen über viele hunderte Kilometer große Strommengen transportieren – von Nord nach Süd und umgekehrt und das mit sehr geringen Leitungsverlusten. 

Zukünftig werden neben dem Netzausbau auf der Verteilnetz- und Übertragungsnetzebene natürlich auch der dezentrale Einsatz von Speichern, die Sektorenkopplung (dezentrale Nutzung des erneuerbar erzeugten Stroms in den Bereichen Wärme und Verkehr) und eine intelligente Steuerung von großen Lasten und Verbrauchern eine bedeutende Rolle bei der Flexibilisierung des gesamten Energiesystems spielen. Speicherexperte Prof. Dirk-Uwe Sauer von der RWTH Aachen hat darauf hingewiesen, dass beispielsweise der Einsatz von Power-to-Gas-Technologien frühestens Sinn macht, wenn der Gesamtanteil der EE-Stromproduktion 80% in Bezug auf den elektrischen Energieverbrauch beträgt: https://www.buergerdialog-stromnetz.de/netzausbau/interview-mit-prof-dr-sauer-zum-thema-speicher/

Antwort von Redaktion, 05. August 2019

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