Achtung Hochspannung!

Wer kennt sie nicht, die gelben Hinweisschilder, die in der Nähe von Hochspannungsleitungen zu finden sind. Als 1917 die erste Hochspannungsleitung bei Düsseldorf den Rhein überspannte, prangte noch kein Schild an den ersten Strommasten. Damals blickten viele Menschen mit einer Mischung aus Faszination, aber auch Sorge auf die neuen 110kV-Überlandleitungen.

Für viele waren die Leitungen ein Segen, da die Elektrifizierung nun endlich auch im ländlichen Raum Einzug hielt und nicht mehr nur den „Städtern“ vorbehalten blieb. Für andere war es dagegen gefährliches Teufelszeug, mit dem man nichts zu tun haben wollte. Allein die Vorstellung, dass riesige Mengen dieser unsichtbaren Energie über die neuen Leitungen in ihre direkte Nachbarschaft transportiert wurde, löste bei einigen Menschen Ängste aus. Ist Strom unter Hochspannung schädlich? Wie kann man sich vor elektromagnetischen Feldern schützen?

Hundert Jahre später bewegen diese Fragen auch heute noch Bürgerinnen und Bürger. Inzwischen können wir jedoch ebenso auf hundert Jahre Forschung im Bereich der elektrischen und elektromagnetischen Felder zurückblicken. Was also ist bekannt über Hochspannungsleitungen, Feldstärken und die menschliche Gesundheit?

Man unterscheidet elektrische von magnetischen Feldern. Ein elektrisches Feld entsteht immer dann, wenn eine elektrische Spannung anliegt. Die Größe des elektrischen Feldes wird von dem Ladungsunterschied bestimmt, der in Volt/Meter angegeben wird. Magnetische Felder entstehen immer dann, wenn sich elektrische Ladungen bewegen, also wenn Strom fließt. Und je größer der Stromfluss, desto höher sind auch die magnetische Flußdichte, die in Tesla bzw. Mikrotesla angegeben wird.

Während das elektrische Feld sich leicht abschirmen lässt und nicht in den menschlichen Körper eindringen kann, können magnetische Wechselfelder im menschlichen Körpergewebe einen Stromfluss induzieren. Davon können körpereigene elektrische Vorgänge, wie z.B. die Funktion von Sinnes-, Nerven- und Muskelzellen beeinflusst werden.

Zum Schutz vor elektromagnetischen Feldern hat der Gesetzgeber in der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchV) Grenzwerte festgelegt. Diese basieren auf internationalen Empfehlungen der WHO, EU und ICNIRP. So gilt für Hoch- und Höchstspannungsleitungen mit Wechselstrom in Deutschland ein Grenzwert von 100 Mikrotesla, bei Gleichstrom liegt er bei 500 Mikrotesla. Die Grenzwerte bei Gleichstrom liegen höher, weil Gleichfelder kein elektrisches Feld induzieren und daher im menschlichen Körper keine gesundheitlich negativen Wirkungen hervorrufen. Die angegebenen Grenzwerte dürfen „unter Volllast“ nicht überschritten werden. Im normalem Betrieb sind Leitungen aber nur zu etwa 50-60 Prozent ausgelastet – die Grenzwerte werden somit in der Regel nicht annähernd erreicht.

Bei Hochspannungsleitungen sind die magnetischen Felder am stärksten direkt unterhalb von Freileitungen bzw. oberhalb von Erdkabeln. Mit zunehmendem Abstand von der Leitung nehmen die magnetischen Flussdichten sehr rasch ab. In der Regel ist schon bei einem Abstand von 100 Metern der Beitrag einer Höchstspannungsleitung deutlich geringer als beispielsweise die der herkömmlichen Haushaltsgeräte in der eigenen Wohnung.

Zusätzlich zu den Grenzwerten gelten in Deutschland eine Reihe von Bestimmungen, die dem Gedanken der Vorsorge Rechnung tragen. So sind Überspannungen von Häusern durch neue Leitungen nicht mehr gestattet. Auch sind die zuständigen Übertragungsnetzbetreiber aufgefordert, Leiterseilanordnungen und Strommasten so zu optimieren, dass sie möglichst geringe elektromagnetische Feldstärken erzeugen.

Das spielte Anno 1917 übrigens noch keine tragende Rolle. Damals ging es vielmehr um die technische Herausforderung, die Strommasten so zu bauen, dass die Rheinquerung über eine Spannweite von 375 Metern und damit die elektrische Überlandversorgung möglich wurden. Die historischen Strommasten bei Düsseldorf sind bereits Technikgeschichte. Neue, moderne Leitungen sind längst an ihre Stelle getreten. Und eine neue Generation von Strommasten mit optimierter Leiterseilanordnung sorgt dafür, dass die räumliche Ausdehnung von magnetischen Feldern im Vergleich zu früheren Leitungen deutlich reduziert wird.