Interview mit Dr. Ziegelberger vom BfS

Der Ausbau des Stromnetzes führt bei vielen Bürgerinnen und Bürgern zu vielen Fragen: Welche gesundheitlichen Risiken treten auf? Was sind die relevanten Grenzwerte? Wie kann man sich schützen?

Auch beim Stromnetzausbau gelten die Grenzwerte der 26. Bundes-Immissionsschutzverordnung (26. BImSchV). Diese schützen vor allen nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken, die von den statischen und niederfrequenten elektromagnetischen Feldern ausgehen können, wie sie in der Umgebung von Stromleitungen auftreten.

Wir haben Frau Dr. Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz zum Forschungsprogramm „Strahlung beim Stromnetzausbau“ befragt:

Redaktion: Frau Dr. Ziegelberger, warum gibt es unterschiedliche Grenzwerte bei Wechselstrom- und Gleichstromleitungen?

Ziegelberger: Weil elektrische und magnetische Gleich- und Wechselfelder unterschiedlich wirken. Die verschiedenen Wirkmechanismen sind gut untersucht und die Grenzwerte so festgelegt, dass die jeweiligen Wirkschwellen nicht erreicht werden und somit gesundheitsrelevante Wirkungen nicht auftreten.

Redaktion: Neben Stromleitungen und Mobilfunkmasten gibt es in unserem alltäglichen Umfeld eine ganze Menge weiterer Quellen, die elektromagnetische Felder erzeugen: der Fön, der Radiowecker, die Alarmanlage. Wie kann ich feststellen, welchen Feldern und in welcher Höhe ich eigentlich ausgesetzt bin? Wo kann ich mich dazu, vielleicht auch regional, informieren?

Ziegelberger: Tatsächlich erzeugen alle genannten Geräte elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder. Feldstärken in der Größenordnung der empfohlenen Grenzwerte sind nur in der unmittelbaren Umgebung der Quellen zu erwarten, denn die Feldstärken nehmen mit zunehmendem Abstand schnell ab.

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, mit Prüf- oder Messgeräten das Vorhandensein und gegebenenfalls die Stärke der Felder in jedem konkreten Einzelfall selbst zu bestimmen. Ohne das entsprechende Fachwissen ist es aber nicht immer einfach, solche Geräte sachgemäß anzuwenden und die Ergebnisse angemessen zu interpretieren.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, bereits vorhandene Informationsangebote zu nutzen: Die Internetseiten, Broschüren und Infoblätter des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) enthalten zum Beispiel viele Hinweise zu Empfehlungen, Grenzwerten und zu typischen Feldstärken. Eine gute Übersicht bietet zudem das EMF-Portal der RWTH Aachen.

Auf regionaler Ebene besteht die Möglichkeit, sich an die Fachleute in den Umweltministerien und Immissionsschutzbehörden der Länder zu wenden. Eine Liste mit den zuständigen Ministerien und AnsprechparterInnen ist über die Webseite der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Immissionsschutz (LAI) in der Rubrik Organisation zu finden. Einige Landesbehörden haben auch eigene Informationsmaterialien und AnsprechpartnerInnen zum Thema elektromagnetische Felder.

Redaktion: Das Bundesamt für Strahlenschutz hat unterschiedliche Studien im Forschungsbereich „Strahlung beim Stromnetzausbau" in Auftrag gegeben. Wo gibt es wissenschaftliche Unsicherheiten? Welche Bereiche gilt es genauer zu erforschen? 

Ziegelberger: Grundsätzlich gibt es einen großen Bestand von gesichertem Wissen über die Wirkungsweise von elektromagnetischen Feldern. Doch in einigen Bereichen gibt es immer wieder auch Ungereimtheiten und offene Fragen. Wir haben insgesamt acht übergeordnete Themenbereiche identifiziert, in denen wir die Durchführung von Forschungsvorhaben planen.

Hohe Priorität haben Forschungsvorhaben zur Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen niederfrequenten Magnetfeldern, wie sie bei Stromleitungen oder Haushaltsgeräten auftreten, und neurodegenerativen Erkrankungen wie zum Beispiel Parkinson, ALS und Alzheimer sowie zur Ursachenklärung von Leukämie im Kindesalter.

Außerdem wollen wir mehr belastbare Angaben darüber, ab welchen Wirkungsschwellen und aufgrund welcher Wirkmechanismen statische und niederfrequente Felder als störend oder schmerzhaft empfunden werden. Ebenso sehen wir Bedarf, den Kenntnisstand zur gesundheitlichen Relevanz von Korona-Ionen zu aktualisieren, die in der Umgebung von Freileitungen auftreten können.

Es sollen aktuelle Daten erhoben werden, inwieweit die Allgemeinbevölkerung statischen und niederfrequenten Feldern beim Stromnetzausbau ausgesetzt ist. Um betroffenen und interessierten Bürgerinnen und Bürgern den wissenschaftlichen Kenntnisstand verständlicher darstellen und die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung besser verstehen zu können, sollen auch Untersuchungen zur Risikowahrnehmung und zur Risikokommunikation durchgeführt werden.

Redaktion: Beim Vorhaben Ultranet sollen Wechsel- und Gleichstromleitungen gemeinsam auf einer Freileitung geführt werden. Sind dabei Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Leitungen zu erwarten?

Ziegelberger: In technischer Hinsicht: ja. Bei Hybridleitungen können technische Wechselwirkungen auftreten, die unter anderem von der Anordnung der Systeme auf dem Mast abhängen, also davon, wo genau auf dem Mast die Gleichstrom- und die Wechselstromleitung aufgehängt ist. Diese Wechselwirkungen zu kennen, ist für den technischen Betrieb der Leitung wichtig.
Unter Strahlenschutzgesichtspunkten haben die beiden Felder jedoch nicht viel miteinander zu tun. Es gibt keine sich aufschaukelnde Wechselwirkung, vor der sich viele Menschen sorgen. Für uns ist wichtig, dass dort, wo Menschen sich aufhalten, die Grenzwerte für Gleich- und Wechselfelder eingehalten werden.


 Informationen zur Person:

Bild Gunde Ziegelberger Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz


Frau Dr. Gunde Ziegelberger leitet im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Arbeitsgruppe zu elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Feldern, die sich vor allem mit den  biologischen Wirkungen solcher Felder beschäftigt.

12. April 2018