Gespräch mit Doreen Volsdorf zum Trassenmanagement

Interview mit Doreen Volsdorf, stellvertretende Leiterin Naturschutz der Deutschen Umwelthilfe, zu Stromnetzausbau und Naturschutz und zur Bedeutung des Ökologischen Trassenmanagements.

Redaktion: Wie können Stromtrassen und Naturschutz in Einklang gebracht werden?

D. Volsdorf: Strukturreiche Flächen werden in unserer heutigen Kulturlandschaft umso wichtiger, je mehr die umliegende Landschaft „verödet“. Das Entwicklungspotential auf den Trassen hängt wesentlich von den Standortverhältnissen ab, wie Relief, Boden, Klima, Wind und der maximal möglichen Trassenaufwuchshöhe. Die Netzbetreiber stimmen mit den Eigentümern der Flächen die Pflege ab. Erlaubt die zulässige Aufwuchshöhe nicht die Entwicklung von Hochwald, wird die Vegetation auf der Trasse auf sogenannte vor- oder niederwaldartige Sukzessionsstadien umgestellt. Das heißt, durch gezielte Maßnahmen wird in die zeitliche Abfolge der Gehölze nur soweit eingegriffen, dass sie sich nicht zu einem Hochwald entwickeln und niedrige Dauerstadien bilden. Schnellwachsende Bäume werden entnommen und langsamwüchsige Arten belassen. Mit dem ökologischen Trassenmanagement können auf den Stromtrassen zudem vielfältige Totholz-Habitate geschaffen werden. Das bei der Pflege regelmäßig anfallende Holz kann zu Holzstapeln aufgeschichtet werden. Gerade Totholz ist ein höchst interessanter Lebensraum. Über 8.000 Pflanzen, Tier- und Pilzarten sind auf Totholz angewiesen; viele von diesen Arten sind gefährdet. Totholz dient als Nahrung, Unterschlupf, als Brutplatz oder zum Überwintern. Vor allem Kleintiere und zahlreiche Insekten sind im Totholz beheimatet. Auch bei Bestäubern wie Wildbienen ist Totholz sehr begehrt. Von diesem Reichtum an Insekten und Kleintieren profitieren wiederum größere Arten wie Vögel oder Fledermäuse.

Redaktion: Was versteht man genau unter Ökologischem Trassenmanagement?

D. Volsdorf: Netzbetreiber haben die Pflicht der Leitungssicherheit, d.h. sie müssen überall dort, wo Gehölze in die Leitung hineinwachsen oder fallen können, entsprechende Vorsorgemaßnahmen greifen. Verlaufen Hochspannungsfreileitungen beispielsweise durch Waldgebiete, müssen sie von hineinwachsenden Gehölzen freigehalten werden. Bei der ökologischen Trassenpflege werden die Maßnahmen sensibel und mit geringem Eingriff durchgeführt. Statt alle Gehölze auf einmal zu beseitigen, werden nur einzelne Bäume oder kleinere Baumgruppen entfernt. Die Pflegemaßnahmen finden häufiger satt, dafür aber wohl dosiert und sind kaum wahrnehmbar. Es ist eine Fläche mit unterschiedlich hohen und niedrigen Gebüschen, die sich mit Brachen, Wiesen oder Heide abwechseln. Am Trassenrand gehen die Gebüsche in einen allmählich ansteigenden Waldrand über. Dieser Mix unterschiedlicher Biotope begünstigt die Artenvielfalt. Vor allem die Waldränder mit einem Wechsel aus besonnten und beschatteten Bereichen sind für den Naturschutz meist sehr wertvoll. So bieten Trassen Nahrungs-, Brut- und Versteckmöglichkeiten und können von Arten des Waldes und des Offenlandes genutzt werden.

Redaktion: Kann moderne, ökologische Trassenpflege effizient und kostensparend umgesetzt werden?

D. Volsdorf: Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass auf lange Sicht die ökologische Trassenpflege effizienter und kostengünstiger durchgeführt werden kann.

Redaktion: Wie sah eine Stromtrasse früher im Vergleich zu einer von heute aus?

D. Volsdorf: Bis Mitte der 90er Jahre war der Kahlschlag bzw. großflächiges Freiräumen die übliche Pflegepraxis und ist auch heute noch weit verbreitet. Das bedeutet, dass maschinell auf größerer Fläche die Gehölze beseitigt werden. Zurück bleibt dann eine kahle Fläche. Für die Tier- und Pflanzenwelt und das Landschaftserleben sind das radikale Einschnitte. Bei der konventionellen Trassenpflege werden auf größeren Trassenabschnitten die aufwachsenden Gehölze vollständig zurückgeschnitten, gehäckselt und als Mulch zurückgelassen. Dies geschieht im mehrjährigen Rhythmus, ca. alle 10 bis 15 Jahre, wenn die Gehölze im Sicherheitsbereich eine kritische Höhe erreicht haben. Nach dem Pflegeeinsatz bleibt eine völlig freigeräumte Fläche zurück. Für scheue Arten wie zum Beispiel die Wildkatzen, die große Reviere haben und zwischen den Wäldern umherstreifen, stellen solche kahlen Flächen ein Hindernis dar. Die Wildkatze braucht ausreichend Deckung; offene Flächen überquert sie nicht. Aber auch für zahlreiche andere Tiere ist die plötzliche Veränderung ein Problem. Auch ist diese Art der Trassenpflege weithin sichtbar; vor allem in hügeligem Gelände. Bis Mitte der 90er Jahre standen wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Es wurde nach Möglichkeiten gesucht, um die Pflegekosten zu senken. Doch durch die zunehmend kritische öffentliche Wahrnehmung in Deutschland wurden verstärkt auch Landschaftsbild und ökologische Aspekte berücksichtigt. Mit dem Konzept des Ökologischen Trassenmanagements haben wir gezeigt, dass es auch anders geht. Freileitungstrassen können als abwechslungsreiche Biotope entwickelt werden und so zum Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen. Auch bieten derartige Trassen Potenzial für den Biotopverbund. Sie werden so gestaltet, dass sie die angrenzenden Waldbiotopflächen verbindet und eine Vernetzung quer zur Trassenrichtung schafft. Die kleinflächigen Eingriffe haben gegenüber großflächigen Kahlschlägen den Vorteil, dass die Korridorfunktion für Tiere dadurch nicht beeinträchtigt wird. Inzwischen gibt es für ökologisches Trassenmanagement bereits gute Beispiele aus Deutschland und Österreich.

Redaktion: Wird für jede Trasse ein individuelles Konzept erstellt?

D. Volsdorf: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, einen Pflegeplan zu erstellen, der auf der Grundlage der jeweiligen Standortsituation, der angrenzenden Biotope und übergeordneten Planungen erstellt wird und die Anforderungen der Flächeneigentümer berücksichtigt. Wenn ökologisches Trassenmanagement Teil der Genehmigungsverfahren bei der Neuplanung ist, dann werden individuelle Planunterlagen erarbeitet. Grundsätzlich haben die Netzbetreiber, bei denen ein ökologisches Trassenmanagement bereits Teil ihrer Instandhaltung ist, eine Gesamtplanung mit standardisierten Pflegegrundsätzen. Netzbetreiber sind verantwortlich für die Pflege und auch für die Planung ihrer Maßnahmen, sowohl bei Neubau als auch für Bestandstrassen.

Redaktion: Wie lange ist ein Trassenmanagement in der Regel erforderlich?

D. Volsdorf: So lange wie eine Trasse vorhanden ist, müssen auch die Leitungen vor Gehölzbewuchs geschützt werden.

Redaktion: Was sind die größten Herausforderungen beim Ökologischen Trassenmanagement?

D. Volsdorf: Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe liegen die Herausforderungen für die Zukunft darin, die Netzbetreiber zu überzeugen, die ein ökologisches Trassenmanagement bisher noch nicht anwenden. Auch Fachbehörden müssen überzeugt werden, da zum Teil immer noch Vorbehalte bestehen. Insgesamt gilt es den Wissenstand zum Ökologischen Trassenmanagement noch zu verbessern und daran arbeiten wir mit unseren zahlreichen Projekten.


Informationen zur Person:

Doreen Volsdorf ist stellvertretende Leiterin Naturschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Sie betreut verschiedene Projekte zum Ökologischen Trassenmanagement. Gemeinsam mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf als wissenschaftlichem Partner arbeitet D. Volsdorf mit ihrem DUH-Team u.a. an dem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben „Ökologisches Trassenmanagement unter Stromleitungen – ein Beitrag für den Biotopverbund?“.